Reben werden veredelt, damit sie die Reblaus überleben. Beim Veredeln, auch Pfropfen genannt, wird ein Trieb der gewünschten Rebsorte, das Edelreis, auf eine Wurzel aus amerikanischen Wildreben gesetzt, die Unterlage. Die amerikanische Wurzel verträgt die Reblaus, die europäische Rebe darüber liefert die Trauben für Riesling, Spätburgunder und Co.
Die Reblaus: warum Veredeln nötig wurde
Die Reblaus ist ein winziges Insekt aus Nordamerika. Im 19. Jahrhundert wurde sie nach Europa eingeschleppt und 1863 in Südfrankreich nachgewiesen. In den folgenden Jahrzehnten zerstörte sie große Teile der französischen Weinberge. In Deutschland tauchte sie 1874 bei Bonn auf, später an der Mosel und 1913 in Baden.
Die Reblaus sticht die Wurzeln der Rebe an und saugt daran. Dabei beschädigt sie die Leitgewebe, über die die Rebe Wasser und Nährstoffe aufnimmt. Die europäische Rebe kann sich dagegen nicht wehren und stirbt nach einigen Jahren ab.
Amerikanische Wildreben sind mit der Reblaus gemeinsam entstanden. Sie bilden an den Einstichstellen eine Korkschicht, die den Schaden eingrenzt. Ihre Trauben taugen aber kaum für Wein. Die Lösung war, beides zu verbinden: die amerikanische Wurzel mit der europäischen Rebsorte. Die ganze Geschichte erzählen die Beiträge Die Reblaus und Rebenveredelung: Die Rettung des europäischen Weinbaus.
So funktioniert das Veredeln
Eine veredelte Rebe, die sogenannte Pfropfrebe, besteht aus zwei Teilen:
- Die Unterlage: ein Stück Rebholz einer amerikanischen Wildrebe oder einer Kreuzung daraus. Aus ihr wachsen später die Wurzeln.
- Das Edelreis: ein kurzes Stück Rebholz mit einer Knospe der gewünschten Rebsorte. Aus ihm wachsen Stamm, Blätter und Trauben.
Die beiden Teile werden so zusammengefügt, dass ihre Wachstumsschichten direkt aufeinanderliegen. Dort bildet die Pflanze neues Gewebe, den Kallus, und die Teile verwachsen zu einer Rebe. Die Rebsorte bleibt dabei unverändert: Ein Riesling auf amerikanischer Wurzel trägt Rieslingtrauben.
Ein Jahr in der Rebschule
Heute veredeln fast ausschließlich spezialisierte Rebschulen. Der Ablauf dauert etwa ein Jahr:
| Zeitpunkt | Arbeitsschritt |
|---|---|
| Winter und Frühjahr | Unterlage und Edelreis werden mit einer Maschine zusammengefügt, meist mit dem Omega-Schnitt, dessen Form wie ein Puzzleteil ineinandergreift. |
| ab Mitte April | Vortreiben: In warmen Räumen verwächst die Veredlungsstelle, bis sie von Kallus umschlossen ist. |
| Ende Mai | Verschulen: Die jungen Reben kommen ins Freiland der Rebschule und wachsen dort über den Sommer. |
| November | Nach dem Laubfall werden die Reben ausgegraben, sortiert und gelagert. Im Frühjahr darauf pflanzt der Winzer sie in den Weinberg. |
Der Omega-Schnitt setzte sich ab den 1970er-Jahren durch. Er ist um ein Vielfaches schneller als das Veredeln von Hand. Bei der Handveredlung kommt vor allem die Kopulation zum Einsatz, bei der beide Teile schräg angeschnitten und aneinandergelegt werden.
Was die Unterlage bewirkt
Die Unterlage schützt nicht nur vor der Reblaus. Sie entscheidet auch mit, wie die Rebe mit ihrem Standort zurechtkommt. Winzer wählen sie deshalb passend zum Weinberg aus. Die wichtigsten Kriterien sind:
- Reblaustoleranz: die Grundvoraussetzung für jede Unterlage.
- Wuchskraft: Eine starkwüchsige Unterlage treibt die Rebe kräftig an, eine schwachwüchsige bremst sie. Das wirkt sich auf die Menge und die Reife der Trauben aus.
- Kalkverträglichkeit: Auf kalkreichen Böden brauchen Reben eine Unterlage, die damit zurechtkommt.
- Trockentoleranz und Frosttoleranz: Sie werden mit dem Klimawandel wichtiger.
Die Unterlagen stammen von drei amerikanischen Wildarten ab: Vitis riparia, Vitis rupestris und Vitis berlandieri, meist als Kreuzungen. In Deutschland sind unter anderem Kober 5 BB, Kober 125 AA, SO 4 und 5 C Geisenheim zugelassen.
Gibt es noch wurzelechte Reben?
Ja, aber nur an wenigen Orten. Auf reinen Sandböden kann sich die Reblaus nicht entwickeln. Deshalb blieben etwa sandige Weinberge in Ungarn verschont. Auch Chile ist bis heute frei von der Reblaus. Dazu kommen einzelne alte Weinberge, die die Katastrophe überstanden haben.
Im Ertragsweinbau sind das Ausnahmen. Fast alle Reben in Europa stehen heute auf amerikanischen Wurzeln, und ohne Veredelung gäbe es den europäischen Weinbau in seiner heutigen Form nicht.
Häufige Fragen zum Veredeln von Reben
Die Antworten auf die Fragen, die uns zum Pfropfen von Reben am häufigsten erreichen.
Damit sie die Reblaus überleben. Die europäische Rebe wird auf eine Wurzel aus amerikanischen Wildreben gesetzt, die gegen die Reblaus tolerant ist.
Der Wurzelteil einer veredelten Rebe. Er stammt von amerikanischen Wildreben oder Kreuzungen daraus und schützt vor der Reblaus. Außerdem beeinflusst er Wuchskraft und Standortverträglichkeit.
Die Rebsorte bleibt dieselbe. Über Wuchskraft und Wasserversorgung beeinflusst die Unterlage aber, wie viele Trauben die Rebe trägt und wie gut sie reifen.
Heute fast ausschließlich spezialisierte Rebschulen. Vom Veredeln bis zur fertigen Pflanzrebe dauert es etwa ein Jahr.
Fast alle. Wurzelechte Reben gibt es nur an wenigen Stellen, zum Beispiel auf reinen Sandböden, auf denen sich die Reblaus nicht entwickeln kann.
Vom Weinberg ins Glas
Was im Weinberg beginnt, schmeckst du am Ende im Glas. In unseren Tastings erzählen wir, was hinter einem Wein steckt, und du probierst selbst.

