Bei der Blindverkostung wird ein Wein ohne Kenntnis von Etikett, Herkunft oder Preis probiert, um ihn unvoreingenommen zu beurteilen oder Rebsorte, Herkunft und Jahrgang zu bestimmen. Sie ist die Königsdisziplin der Sommeliers. Wichtig: Profis schmecken die Herkunft nicht direkt heraus — sie erschließen sie durch systematisches Rückrechnen aus den Eigenschaften des Weins.
Ein Sommelier schwenkt das Glas, riecht, nippt — und sagt: 2018, Burgund, Grand-Cru-Lage. Das Etikett gibt ihm recht. Für die meisten wirkt das wie Zauberei. Ist es aber nicht, und wie es wirklich funktioniert, ist fast spannender als der Mythos.
Der Profi schmeckt nicht die Herkunft — er erschließt sie. Aus den messbaren Eigenschaften des Weins liest er eine Indizienkette: Eine schneidende Säure und ein schlanker Körper deuten auf ein kühles Anbaugebiet, üppige Frucht und hoher Alkohol auf ein heißes. Das grenzt die Region ein. Dann kommt das Gedächtnis ins Spiel — wer tausende Weine verkostet hat, erkennt den Stilfingerabdruck eines Winzers wieder und arbeitet sich zu Produzent und Jahrgang vor. Hirnscans zeigen es deutlich: Beim Verkosten aktivieren Profis die Areale für Gedächtnis und Analyse, Laien dagegen vor allem den Geschmacks- und Gefühlsbereich. Der Experte denkt den Wein, der Laie fühlt ihn.
Und hier die ehrliche Einordnung, die selten jemand ausspricht: So treffsicher ist das gar nicht. Es gibt weltweit mehrere tausend Rebsorten, dazu unzählige Herkünfte und Jahrgänge — der Verkoster wählt also faktisch zwischen zehntausenden Möglichkeiten. Selbst in den härtesten Prüfungen der Branche, dem Master Sommelier und dem Master of Wine, gilt es als Erfolg, einen Teil der Weine ausreichend zu treffen; die Weltmeisterschaft der Sommeliers (ASI) krönt die absolute Weltspitze dieser Kunst. Und die spektakulären Er-hat-die-Parzelle-erkannt-Momente stammen meist aus Wettbewerben mit einem begrenzten, bekannten Feld an Spitzenweinen, die sich stilistisch klar unterscheiden.
Das Schöne daran: Die Blindverkostung beweist nicht, dass man den Boden schmeckt — sie beweist das Gegenteil. Der Sommelier liest die Wirkungen des Terroirs und rechnet zurück, wie ein Meteorologe, der aus Druck und Wind das Wetter erschließt, ohne es zu schmecken.
Siehe auch: Verkostung.