Manche Weine wirken, als hätte man an einem nassen Kieselstein gerochen — kühl, klar, fast salzig. Diesen Eindruck nennt man Mineralität, und kaum ein Weinbegriff ist so beliebt, so oft auf Etiketten gedruckt und so gründlich missverstanden.
Der verbreitete Glaube: Die Rebe ziehe die Mineralien aus dem Schiefer oder Kalk, und man schmecke dann das Gestein direkt im Glas. So schön dieses Bild ist — die Wissenschaft trägt es nicht. Stein hat keinen Geschmack, und die winzigen Mineralmengen im Wein liegen unter der Wahrnehmungsschwelle. Studien finden keinen belegbaren Zusammenhang zwischen den Mineralien im Boden und dem, was wir als mineralisch schmecken.
Jetzt kommt der Einwand, den jeder Winzer sofort bringt — zu Recht: Aber mein Boden macht sehr wohl den Unterschied! Und das stimmt. Nur wirkt der Boden indirekt, über die Rebe, nicht direkt über die Zunge. Ein gut dränierender Schiefer- oder Kiesboden lässt die Rebe leicht durstig werden; sie bildet dann kleinere, konzentriertere Beeren. Kalkböden bleiben kühl und bewahren die Säure, die einen Wein straff und frisch macht. Helle, steinige Böden speichern Wärme und steuern die Reife. All das landet spürbar im Glas — als Säure, Frische, Konzentration. Der Boden ist also der Dirigent, nicht das Instrument: Er bestimmt, wie die Rebe spielt, aber er klingt nicht selbst mit.
Der eigentliche feuersteinige Ton entsteht dann in der Weinbereitung, vor allem aus Schwefelverbindungen, die bei Gärung und Hefelager gebildet werden — in einer großen Befragung nannten fast die Hälfte der Weinprofis Feuerstein als wichtigste Verbindung zur Mineralität. Und ein feiner Nebeneffekt der menschlichen Wahrnehmung: Weiß ein Verkoster, dass ein Wein auf Schiefer wächst, schmeckt er die Mineralität eher hinein. Die Erwartung formt den Eindruck mit. Wenn dir also ein Riesling mineralisch vorkommt, schmeckst du keinen Schiefer — sondern das feine Zusammenspiel aus Säure, Frische und den Aromen der Weinbereitung, geprägt von einem Boden, der die Rebe genau richtig gefordert hat.
Siehe auch: Santorini, Somló, Waadt, Vipava-Tal (Vipavska dolina), Hampshire, Maldonado, Batroun, Judäische Berge, Emir.